Die Streckungsphase: Warum Pflanzen nach dem Phasenwechsel plötzlich schießen
Du stellst den Lichtzyklus um, und zwei Wochen später stößt die Pflanze fast an die Lampe. Diese Streckung ist normal und lässt sich nicht verhindern – nur steuern. Wer sie einplant, hat kein Problem damit. Wer sie übersieht, kämpft plötzlich mit zu wenig Abstand nach oben.
Was passiert da genau?
Mit der Umstellung auf kürzere Lichtphasen registriert die Pflanze das Ende der Vegetationszeit. Ihre Reaktion ist verstärktes Längenwachstum: Sie schiebt die Triebe nach oben, um die künftigen Blütenansätze besser ins Licht zu bringen.
Der Effekt ist beachtlich. Je nach Pflanze verdoppelt oder verdreifacht sich die Höhe innerhalb weniger Wochen – bei gleichbleibender Grundfläche.
Der Zeitrahmen
- Beginn: unmittelbar nach der Umstellung des Lichtzyklus
- Hauptphase: etwa 10 bis 21 Tage
- Ende: Sobald sich die ersten Blütenansätze deutlich zeigen, verlangsamt sich das Höhenwachstum spürbar
Die Spanne ist groß, weil sie stark von der Pflanze abhängt. Kompakt wachsende Typen legen eher 50 bis 100 Prozent zu, hochwachsende können 200 bis 300 Prozent erreichen.
Warum die Phase über das Ergebnis entscheidet
- Lichtabstand. Kommt die Pflanzenspitze der Lampe zu nah, entstehen Lichtschäden – ausgebleichte Stellen und verbranntes Gewebe. Bei starken LEDs geht das schneller, als man denkt.
- Struktur. Ohne Eingriff bilden sich lange, dünne Triebe mit großen Abständen zwischen den Ansatzpunkten. Stabil ist das nicht.
- Lichtverteilung. Ein ungleichmäßiger Bestand bedeutet, dass ein Teil der Pflanze zu viel Licht bekommt und der andere zu wenig.
Fünf Methoden zur Kontrolle
Vorher planen
Die einfachste Maßnahme, und die wirksamste. Rechne beim Phasenwechsel mit mindestens der doppelten Höhe. Passt das nicht ins Zelt, stell früher um – dann sind die Pflanzen zu Beginn kleiner.
Low Stress Training
Triebe mit weichem Draht oder Bindeband seitlich herunterziehen und fixieren. Die Pflanze wächst in die Breite statt in die Höhe. Funktioniert auch noch während der Streckung, solange die Triebe biegsam sind.
SCROG
Ein Netz waagerecht über den Pflanzen, die Triebe werden hindurchgeführt und darunter verteilt. Die wirksamste Methode, wenn du wenig Höhe, aber Fläche hast – erfordert aber regelmäßiges Nachführen über mehrere Wochen.
Topping vor dem Wechsel
Der Haupttrieb wird gekappt, die Pflanze bildet mehrere gleichwertige Triebe statt eines dominanten. Wichtig: rechtzeitig vor der Umstellung, damit sich die Pflanze erholen kann. Während der Streckung ist es zu spät.
Klima anpassen
Zwei Faktoren begünstigen starkes Strecken:
- Zu großer Temperaturunterschied zwischen Licht- und Dunkelphase. Halte die Differenz gering.
- Zu geringe Lichtintensität. Bei schwachem Licht streckt sich die Pflanze verstärkt, um näher heranzukommen. Ein kleinerer Lampenabstand oder mehr Leistung bremst das – aber nur bis zur Grenze, ab der Lichtstress beginnt.
Wenn es doch zu eng wird
Du merkst mitten in der Streckung, dass es nicht reicht. Was jetzt hilft:
- Lampe so weit wie möglich hochziehen – meist der schnellste Gewinn.
- Leistung reduzieren, falls die Lampe dimmbar ist. Weniger Intensität bedeutet, dass ein geringerer Abstand tolerierbar wird.
- Triebe herunterbinden. Auch spät angesetztes LST bringt oft noch 15 bis 20 cm.
- Topf tiefer stellen, falls die Bauweise das zulässt.
Nicht mehr sinnvoll sind zu diesem Zeitpunkt Topping oder starkes Beschneiden – der Stress kostet mehr, als er einbringt.
Wuchsform vorher berücksichtigen
Wie stark eine Pflanze streckt, hängt maßgeblich von ihrer Wuchsform ab. Kompakte, breitblättrige Typen bleiben überschaubar, schlanke, hochwachsende legen deutlich zu. Wenn du in einem niedrigen Zelt arbeitest, ist die Entscheidung für die Wuchsform wichtiger als jede spätere Korrektur.
Mehr dazu im Beitrag Wuchsform und Growbox-Größe.
Fazit
Die Streckungsphase ist kein Problem, sondern ein planbarer Vorgang. Rechne beim Phasenwechsel mit der doppelten Höhe, halte die Temperaturdifferenz gering und greif früh mit LST oder SCROG ein.
Und wenn du nachmisst, bevor du umstellst, statt danach – dann bleibt es bei zwei ruhigen Wochen statt zwei nervösen.
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